Spielzeit 2009/2010
Programm des 1. Akademiekonzerts 2009/2010
Gustav Mahler, Symphonie Nr. 2 c-Moll, Auferstehungssymphonie Dirigent: Dan Ettinger
Solistin: Anja Bitterlich, Sopran
Solistin: Edna Prochnik, Alt
Der neue GMD des Nationaltheaters Mannheim, Dan Ettinger, bietet mit dieser wohl populärsten Symphonie Gustav Mahlers nicht allein einen besonders festlichen und wirkungsvollen Auftakt der neuen Konzertspielzeit, er feiert mit dieser Aufführung zugleich ein für das Mannheimer Musikleben sehr bedeutendes Jubiläum: Vor genau 100 Jahren kam in der gleichen Position der Wiener Arthur Bodanzky, ein früherer Assistent Mahlers an der Wiener Hofoper, an das Nationaltheater, der in der Stadt mit der großen musikalischen Tradition bald darauf eine intensive Mahler-Pflege begann.
Der Komponist selbst war auf Einladung des damaligen Hofkapellmeisters Willibald Kähler im Februar 1904 nach Mannheim gekommen, um im neu eröffneten Rosengarten seine riesige 3. Symphonie zu dirigieren. Arthur Bodanzky iniziierte eine konsequente Mahler-Tradition und führte zunächst die 2. Symphonie in Mannheim ein. Wie fortschrittlich und umsichtig Bodanzkys Vorgehensweise dabei war, wird klar an der Vorbereitung des interessierten Konzertpublikums, dem der Dirigent in einer sonntäglichen Einführungs-Matinée nähere Informationen zu dem noch unbekannten Werk und sogar Auszüge als Hörproben präsentierte.
Die Entstehung von Mahlers zweiter großer Symphonie zog sich über den Zeitraum von sechs Jahren hin. Zunächst schrieb Mahler den Kopfsatz als selbständige symphonische Dichtung, die er auch separat uraufgeführt und sogar noch einige Male nach der Vollendung des Gesamtwerkes öffentlich dirigiert hat. Erst einige Zeit später entstanden langsamer Satz und Scherzo als eine Art Fortsetzung. Diese konzeptionelle Erweiterung des ursprünglichen Planes erforderte nun jedoch ein überhöhendes Finale. Für diese Krönung des Satzzyklus suchte der Komponist sehr lange vergeblich nach einem geeigneten Text; die Trauerfeier für den im Februar 1894 verstorbenen Dirigenten Hans von Bülow in der Hamburger Michaeliskirche wurde Mahler schließlich zur Erleuchtung: Ein gesungener Oden-Text Friedrich Gottlieb Klopstocks wurde zum inspirativen Zündfunken.
Die Partitur ist hinsichtlich der Besetzung riesig dimensioniert: Zu 4-5-fach besetzten Holzbläsern verlangt Mahler u.a. 10 Hörner, 10 Trompeten, 4 Posaunen, Orgel, 2 Harfen und umfangreiches Schlagzeug sowie Sopran- und Alt-Solo zu einem großen gemischten Chor - die bis dahin wohl umfangreichste symphonische Besetzung überhaupt, die allenfalls mit den kolossalen Werke von Hector Berlioz vergleichbar erscheint. Wie dieser freilich nutzt auch Mahler alle raffinierten Möglichkeiten dieses ebenso großen wie differenzierten Apparates, um bis dahin ungeahnte Wirkungen hervorzubringen, die auch heute, mehr als ein Jahrhundert nach Entstehung des Werkes, noch ganz elementar anrühren und mitreißen.
Der große Aufwand, den dieses Werk erfordert, lässt jede Aufführung zu einem seltenen und festlichen Ereignis werden - dem historischen Hintergrund gerade in Mannheim also sehr angemessen.
Programm des 2. Akademiekonzerts 2009/2010
Jean Sibelius, Finlandia, symphonische Dichtung op. 26
Edward Elgar, Konzert e-Moll für Violoncello und Orchester, op. 85
Dimitrij Schostakowitsch, Symphonie Nr. 15 A-Dur, op. 141 Dirigent: Michael Sanderling
Solistin: Quirine Viersen, Violoncello Finnland, England und Russland bzw. die Sowjetunion sind die Herkunftsländer der drei Werke dieses Programms. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Komponisten mit nur wenigen Werken in Deutschland wirklich populär sind. Desto mehr lohnt sich ein offenes Ohr für die weniger bekannten Schätze aus dem Schaffen dieser Musiker.
Jean Sibelius gilt noch immer als wichtigster Repräsentant finnischer Musikkultur und seine Tondichtung Finlandia als Musik gewordener Ausdruck patriotischen Empfindens. Entstanden ist dieses Gelegenheitswerk für eine jener nationalen Manifestationen, die als sogenannte Pressefeiern kurz vor 1900 gegen den Versuch zunehmender Russifizierung öffentlich protestierten. Ihre Thematik hat nichts zu tun mit der Geisteswelt des uralten Kalevala-Mythos, der sonst so viele Werke des Komponisten inspiriert hat. Diese Musik gibt sich eher populär, konnte mit ihrer Verbindung aus schmetternden Fanfaren, hymnischen und choralartigen Partien nicht nur bald eine Art heimliche Nationalhymne werden, sondern war sehr rasch auch außerhalb Finnlands bekannt.
Allzu lange wurde Edward Elgars Schaffen in Deutschland pauschal als reine Edwardian Music schon deshalb abgelehnt, da man jahrzehntelang alles, was mit diesem König (Edward VII.) zu tun hatte, als feindlich ansah. Dabei gehörte Elgar zu den sensibelsten und kultiviertesten Musikern seiner Generation und hat gerade mit seinen großen symphonischen und konzertanten Werken wichtige und gehaltvolle Beiträge zu diesen musikalischen Gattungen geleistet. Er ist zudem der erste bedeutende englische Komponist seit dem Tode Henry Purcells im Jahre 1695. Das Konzert für Violoncello und Orchester aus dem Jahre 1919 gehört zu den letzten Kompositionen dieses Meisters, der Deutschland so liebte und jahrelang seinen Sommerurlaub in Bayern verbrachte; wenige Monate nach der Uraufführung starb Elgars Frau und die Schaffenskraft des Komponisten versiegte.
Vier Jahre vor seinem Tode wandte sich Dimitrij Schostakowitsch nochmals der symphonischen Gattung zu, die in seinem Schaffen eine so wichtige, zentrale Rolle einnimmt und ihn als einen der bedeutendsten Nachfolger Mahlers auszeichnet: Nicht allein die kontinuierliche Pflege der Gattung und schöpferische Erprobung so vieler ihrer Möglichkeiten, sondern gerade die eigentümliche Doppelbödigkeit des Ausdrucks, die für den so lange unter schwerer existenzieller Pression eines rigiden Staates arbeitenden Komponisten überlebensnotwendig wurde ist charakteristisch für Schostakowitschs Spätstil. Nach der vorangegangenen 14. Symphonie, die aus 11 Liedern mit Begleitung von Streichorchester und Schlagzeug besteht (sie erklang im 7. Akademiekonzert der Saison 2008/09) kehrte Schostakowitsch in seinem symphonischen Schlusswort nochmals zu reiner Instrumentalmusik zurück. Nichts aber ist hier mehr so, wie es scheint; die zunächst so vertraut klingende Oberfläche ist brüchig, alle Zitate, auch die Selbstzitate aus eigenen, älteren Werken sind auf eine oft makabere Weise verfremdet, wirken wie klangliche Skelette des jeweiligen Originals. Der überlegene Humor des Alters ist von Sarkasmus durchtränkt, der gegen Lebensende die Frage zu stellen scheint, welchen Sinn das Leben wohl gehabt habe.
Programm des 3. Akademiekonzerts 2009/2010
Sergej Rachmaninow, Konzert Nr. 2 c-Moll für Klavier u. Orchester, op. 18
Peter Iljitsch Tschaikowskij, Symphonie Nr. 5 e-Moll, op. 64
Dirigent: Dan Ettinger
Solist: Alexander Korsantia, Klavier Der Meister und sein Protégé könnte man dieses Programm überschreiben: Sergej Rachmaninow war bereits im Knabenalter Tschaikowskij vorgestellt worden, als er sich, gemeinsam mit Alexander Skrjabin, unter der Ägide des berühmten Moskauer Klavierpädagogen Nikolaj Swerjow auf das Studium am Konservatorium vorbereitete. Tschaikowskij war bereits berühmt und hat den Weg des jungen Rachmaninow mit viel Interesse, Wohlwollen und Förderung begleitet, sogar seine Examensarbeit der Kompositionsklasse, den Opern-Einakter Aleko, studiert und sehr gelobt.
Desto härter musste den jungen Rachmaninow Tschaikowskijs plötzlicher Tod im Herbst 1893 treffen. Einige Misserfolge mit neuen Werken in der Folgezeit, darunter mit der 1. Symphonie, ließen Rachmaninow in eine tiefe Depression fallen, die erst Jahre später durch eine psychologische Behandlung überwunden werden konnte. Das so bekannte 2. Konzert für Klavier und Orchester ist Dokument der wieder gewonnenen Schaffenskraft und Selbstgewissheit. Dem Konzert ist von den zurückliegenden verzweifelten Jahren ebenso wenig etwas anzumerken wie sein komplizierter Entstehungsprozess die emotionale Direktheit seiner Wirkung beeinträchtigt. Es wegen seiner Popularität als seichte Salon-Romantik anzutun ist freilich ebenso sachlich unrichtig wie unseriös und offenbart nur den Neid von Kollegen, denen solche Würfe selten oder nie gelungen sind.
Im Schaffen Peter Iljitsch Tschaikowskijs stellt die 5. Symphonie einen Höhepunkt und zugleich den Abschluss einer stilistischen Entwicklungsphase dar. Der Komponist, in dessen schöpferischem Weg programmatische (an außermusikalische, meist literarische Stoffe gebundene) und absolute symphonische Musik zwei ständig parallel laufende Gattungen darstellen, trachtete hier nach einer überhöhenden Zusammenfassung aller wichtigen kompositorischen Errungenschaften, welche in der Geschichte der Symphonie von Bedeutung gewesen sind. Die Europareise des Sommers 1888 hatte ihm nicht allein bedeutenden Zuwachs an Bekanntheit und Reputation verschafft, sondern auch den eigenen Erfahrungshorizont nochmals erweitert. So wurde die neue, nach Rückkehr in die Heimat innerhalb weniger Wochen vollendete Symphonie in e-Moll zum Dokument vollendeter Meisterschaft. Die stringente Logik ihrer thematisch-motivischen Entwicklung, der enge Zusammenhang von Themen durch Einführung von musikalischen Leitgedanken, auch über die Satzgrenzen hinweg bewegt sich fernab von allem akademischen Schematismus und erweist auch als großformaler Zusammenhang die Originalität des Komponisten. In keinem anderen älteren war ihm dies auf so überzeugende Weise gelungen. Damit ist diese Symphonie zugleich ein Endpunkt in der Entwicklung jenes Typus, der Final-Symphonie genannt wird; die folgenden symphonischen Pläne Tschaikowskijs nahmen eine deutlich andere Richtung, deren erstes bedeutendes Ergebnis die berühmte Pathétique ist - eine völlige Abkehr vom überkommenen Aufbau.
Programm des 4. Akademiekonzerts 2009/2010
Maurice Ravel, La Valse, počme chorégraphique
Avner Dormann, Frozen in time, Concert for Percussion and Orchestra
Manuel de Falla, El Sombrero de tres picos, Suiten Nr. 1 und 2
Maurice Ravel, Boléro
Dirigent: Fabrice Bollon
Solist: Martin Grubinger, Schlagzeug Der Meister und sein Protégé könnte man dieses Programm überschreiben: Sergej Rachmaninow war bereits im Knabenalter Tschaikowskij vorgestellt worden, als er sich, gemeinsam mit Alexander Skrjabin, unter der Ägide des berühmten Moskauer Klavierpädagogen Nikolaj Swerjow auf das Studium am Konservatorium vorbereitete. Tschaikowskij war bereits berühmt und hat den Weg des jungen Rachmaninow mit viel Interesse, Wohlwollen und Förderung begleitet, sogar seine Examensarbeit der Kompositionsklasse, den Opern-Einakter Aleko, studiert und sehr gelobt.
Desto härter musste den jungen Rachmaninow Tschaikowskijs plötzlicher Tod im Herbst 1893 treffen. Einige Misserfolge mit neuen Werken in der Folgezeit, darunter mit der 1. Symphonie, ließen Rachmaninow in eine tiefe Depression fallen, die erst Jahre später durch eine psychologische Behandlung überwunden werden konnte. Das so bekannte 2. Konzert für Klavier und Orchester ist Dokument der wieder gewonnenen Schaffenskraft und Selbstgewissheit. Dem Konzert ist von den zurückliegenden verzweifelten Jahren ebenso wenig etwas anzumerken wie sein komplizierter Entstehungsprozess die emotionale Direktheit seiner Wirkung beeinträchtigt. Es wegen seiner Popularität als seichte Salon-Romantik anzutun ist freilich ebenso sachlich unrichtig wie unseriös und offenbart nur den Neid von Kollegen, denen solche Würfe selten oder nie gelungen sind.
Im Schaffen Peter Iljitsch Tschaikowskijs stellt die 5. Symphonie einen Höhepunkt und zugleich den Abschluss einer stilistischen Entwicklungsphase dar. Der Komponist, in dessen schöpferischem Weg programmatische (an außermusikalische, meist literarische Stoffe gebundene) und absolute symphonische Musik zwei ständig parallel laufende Gattungen darstellen, trachtete hier nach einer überhöhenden Zusammenfassung aller wichtigen kompositorischen Errungenschaften, welche in der Geschichte der Symphonie von Bedeutung gewesen sind. Die Europareise des Sommers 1888 hatte ihm nicht allein bedeutenden Zuwachs an Bekanntheit und Reputation verschafft, sondern auch den eigenen Erfahrungshorizont nochmals erweitert. So wurde die neue, nach Rückkehr in die Heimat innerhalb weniger Wochen vollendete Symphonie in e-Moll zum Dokument vollendeter Meisterschaft. Die stringente Logik ihrer thematisch-motivischen Entwicklung, der enge Zusammenhang von Themen durch Einführung von musikalischen Leitgedanken, auch über die Satzgrenzen hinweg bewegt sich fernab von allem akademischen Schematismus und erweist auch als großformaler Zusammenhang die Originalität des Komponisten. In keinem anderen älteren war ihm dies auf so überzeugende Weise gelungen. Damit ist diese Symphonie zugleich ein Endpunkt in der Entwicklung jenes Typus, der Final-Symphonie genannt wird; die folgenden symphonischen Pläne Tschaikowskijs nahmen eine deutlich andere Richtung, deren erstes bedeutendes Ergebnis die berühmte Pathétique ist - eine völlige Abkehr vom überkommenen Aufbau.
Programm des 5. Akademiekonzerts 2009/2010
Dimitrij Schostakowitsch, Konzert Nr. 1 a-Moll für Violine u. Orch., op. 99
Peter Iljitsch Tschaikowskij, Symphonie in vier Bildern Manfred, op. 58
Dirigent: Roman Kofman
Solist: Dalibor Karvay, Violine Zwei düstere, tragische Werke von russischen Meistern formen das Programm dieses Akademiekonzertes; ihnen ist gemeinsam, dass sie trotz ihrer zutiefst bekenntnishaften künstlerischen Aussage sehr selten öffentlich zu erleben sind. Desto eindrucksvoller verspricht die Begegnung mit ihnen zu werden.
Dimitrij Schostakowitsch hatte in den Jahren während des Zweiten Weltkrieges sich eine gewisse künstlerische Freiheit von den rigiden Maximen des staatlicherseits verordneten Sozialistischen Realismus erkämpfen können. Das schöpferische Ausleben dessen jedoch stieß nach 1945 sehr bald wieder auf immer engere Grenzen. Auf dem Parteitag der KpsSU Anfang 1948 wurden dann alle prominenten Komponisten der Sowjetunion, auch der längst international berühmte Sergej Prokofjew, auch der so stark in der Folklore seiner armenischen Heimat wurzelnde Aram Chatschaturjan, als volksferne Formalisten gebrandmarkt, erhielten teils für viele Jahre Aufführungsverbot und wurden mit persönlichen Repressalien gequält. Allen voran Schostakowitsch, der gewagt hatte, Partei und Kulturbürokratie (hinter denen natürlich der Diktator Stalin stand) zum militärischen Sieg über Nazi-Deutschland keine pompös-auslandende Sieges-Symphonie zu schreiben, sondern eine witzig-parodistische Neunte (ausgerechnet!) von fünf kurzen Sätzen. Zudem hatte er gerade sein erstes Konzert für Violine und Orchester vollendet, das unverholen auf jiddische Folklore klingenden Bezug nimmt; die ganze Tendenz dieses Werkes ließ tiefe Bestürzung über die während des Krieges an jüdischen Menschen verübten Greueltaten erkennen und ließ dieses Werk als klingende Solidaritätsbezeugung erscheinen - ein gewichtiger Grund mehr, gerade auch dieses Konzert auf den Index der Kulturfunktionäre zu setzen, denn fast gleichzeitig mit dem Scherbengericht über die Komponisten begannen in der Sowjetunion antizionistische Kampagnen. Wohl nur der Widmung an den berühmten Geiger David Oistrach ist es zu danken, dass dieses Konzert schließlich 1955, während der kurzen Periode politischen Tauwetters, uraufgeführt werden konnte. Bis heute ist es nicht wirklich bekannt, sodass die Begegnung mit dieser faszinierenden Musik auch in der Gegenwart einer Entdeckung gleichkommt.
Peter Tschaikowskij, in dessen symphonischem Schaffen programmmatische und absolute Musik zwei getrennte Stränge mit ganz eigener Entwicklung nebeneinander existieren, hat fast alle seine programmatischen Werke einsätzig angelegt, in Gestalt von Kompositionen, deren formale Bezeichnungen meist Ouvertüre, Phantasie oder Balladen heißen. es existiert nur eine Ausnahme von dieser Regel: Die 1885 geschriebene Manfred-Symphonie. Nicht allein formal orientiert sich der Komponist hier eindeutig an Hector Berlioz, der zwei große Konzertreisen nach Russland unternommen hatte und dort mit seinen Werken und ästhetischen Maximen tiefe Eindrücke hinterlassen hatte. Das galt besonders für jene Komponistengruppe, die man bald Das mächtige Häuflein nannte, und von deren künstlerischen Anführer, Milij Balakirew, ging auch die Anregung zu Tschaikowskijs Werk aus. Deutlich ist schon durch den gegebenen großformalen Rahmen, der die Viersätzigkeit beibehält, aber tiefgreifend modifiziert, das Vorbild auszumachen: Berlioz’ Harold en Italie; auch das Werk des Franzosen ist ja ausdrücklich als Symphonie bezeichnet, lediglich das dort obligate Soloinstrument (Viola) fehlt bei Tschaikowskij. Die literarischen Vorlagen stammen zudem vom gleichen Dichter, dem exzentrischen, aber künstlerisch höchst einflussreichen Lord George Byron. Anders als in seiner absoluten Symphonik nahm sich Tschaikowskij hier alle Freiheiten der Formgeben, der Arbeitsverfahren und der Instrumentation, gelangte dabei zu neuen, oft gewagten Ergebnissen, deren Spuren nicht nur das weitere eigene Schaffen mitgeprägt haben. In der bisweilen überaus erschreckend rückhaltlosen emotionalen Offenheit klingen zumindest Teile dieser Partitur so avantgardistisch, dass man eine viel spätere Entstehungszeit vermuten könnte; so ist dieses Werk auch ein überzeugendes Zeugnis von Tschaikowskijs Experimentierfreude und kreativer Neugier.
Programm des 6. Akademiekonzerts 2009/2010
George Gershwin, Ein Amerikaner in Paris, rhapsodisches Ballett
Bernd Alois Zimmermann, Nobody knows de trouble I see, Konzert für Trompete und Orchester
Antonín Dvorák, Symphonie Nr. 9 e-Moll, op. 95, Aus der Neuen Welt
Dirigent: Nicholas Milton
Solist: David Guerrier, Trompete
Um Amerika kreisen die drei Werke dieses Konzertprogramms, reflektieren auf ganz individuelle Weise die fruchtbaren Spannungen, die in den jeweiligen Kompositionen die Phantasie der Autoren beflügelt haben.
George Gershwins Eltern waren ukrainischer Abstammung und erst wenige Jahre vor der Geburt des Sohnes George in die USA eingewandert. Dieser, ein ganz nach klassischen Maßstäben ausgebildeter Musiker und genialer Pianist, suchte sich sein Leben lang als Komponist zu perfektionieren, hatte zwar 1924 mit seiner Rhapsody in Blue und ein Jahr darauf mit dem Klavierkonzert seine internationale Anerkennung als Komponist ernster Musik erreicht; gleichwohl ging er während seiner Reise durch Europa prominente Komponisten wie Maurice Ravel und Alban Berg um Unterricht an. Seine nach Rückkehr in die Heimat geschriebene Tondichtung Ein Amerikaner in Paris zeigt indes deutlich genug, wie wenig Gershwin noch irgendeine Unterweisung nötig hatte; er bekannte, dies sei die modernste Musik, die er bisher geschrieben habe: Die Partitur verlangt den Einsatz von (echten!) Pariser Taxi-Hupen, läßt echt, d.h. wie ein Zitat klingende französische Tanzmusik ertönen (in Wahrheit ist sie genial nachempfunden, um schließlich mit einem plötzlich dreinfahrenden Charleston die Rückkehr nach Amerika anzudeuten - ein Meisterwerk, das bei aller Kunst höchst vergnüglich zu hören ist.
Von ganz anderer Art ist das Trompetenkonzert Bernd Alois Zimmermanns. Weite Lebensstrecken des im Frühjahr 1918 geborenen Komponisten sind von Kriegs- und Notzeiten überschattet gewesen, und seine Gymnasialjahre auf einer Klosterschule mögen den Hang zu Grübelei und Ernst verstärkt haben. Von den insgesamt sieben Instrumentalkonzerten ist die Mehrzahl noch in den 1950er Jahren entstanden, also noch ehe der Komponist durch seine Oper Die Soldaten einem großen Publikum bekannt wurde. Nach eigenem Bekunden unter dem Eindruck des Rassenwahns geschrieben, vereint das Konzert drei heterogene Stilebenen: Eine Art Choralvorspiel mit dem Thema des im Titel genannten Spirituals, eine freie Variationsform der noch thematisch gebundenen Dodekaphonie, sowie konzertierenden Jazz. Nur folgerichtig verlangt die Partitur die Einbeziehung einer BigBand mit umfangreichem Schlagzeug. Damit reflektiert das Werk auch eine Tendenz, die Gershwin eigentümlich ist: Die Einbeziehung von Jazz-Elementen in die Kunstmusik; allerdings verschmelzen diese Elemente bei Zimmermann weniger mit einem anders gearteten Individualstil, vielmehr strebt er durch Zitattechnik einen Stil-Pluralismus an, der auf spätere Werke verweist, etwa viele Kompositionen von Alfred Schnittke.
Die Symphonie Aus der neuen Welt von Antonin Dvoŕák gehört zu den populärsten Kompositionen überhaupt; sie amerikanische Musik zu nennen, wäre verwegen, denn nahezu alle dafür ins Feld führbaren Kriterien, wie Pentatonik und bestimmte Rhythmen, auch in der Volksmusik von Dvoŕaks Heimat präsent sind. Allerdings ist das Werk die erste große Symphonie, die auf amerikanischem Boden geschrieben wurde. Der Komponist hat zudem während seiner Lehrtätigkeit in New York stets auf die Tatsache hingewiesen, dass das wahre musikalische Potential des Landes in der Musik seines farbigen Bevölkerunganteils liege. Er nahm deshalb auch besonders gerne Menschen afrikanischer Herkunft in seine Kompositionsklasse auf und zog sich damit den Spott und sogar Zorn der meisten weißen US-Musiker zu. Es sollte nicht lange dauern, bis die Prophezeiung des böhmischen sich erfüllte; nicht allein der Jazz speiste sich aus dieser Quelle, auch George Gershwin studierte intensiv diese Musik, ehe er die Komposition seiner Oper Porgy and Bess begann.
Programm des 7. Akademiekonzerts 2009/2010
Igor Strawinskij, Suite aus dem Ballett Pulcinella
Wolfgang Amadeus Mozart, Konzert Es-Dur für zwei Klaviere und Orchester, KV 365
Igor Strawinskij, Le sacre du printemps, Szenen aus dem heidnischen Russland
Dirigent: Dan Ettinger
Solistin: Hisako Kawamura, Klavier Zwei große Werke aus zwei konträren Schaffensphasen des russischen Meisters rahmen in diesem Programm eines der Klavierkonzerte Mozarts, mit dem sich Mannheims neuer Generalmusikdirektor Dan Ettinger auch als Pianist vorstellt.
Igor Strawinskij früher Weltruhm beruhte auf den Pariser Ballett-Produktionen der berühmten Ballets Russes Sergej Diaghilews, die zwischen 1910 und 1913 über die großen Bühnen Europas gegangen waren. Der Krieg bedeutete einen tiefen Einschnitt in diese Entwicklung, da so prachtvolle und kostspielige Produktionen über Jahre unmöglich waren. Im Schweizer Exil war der Komponist plötzlich durch die revolutionären Ereignisse von seinen Geldquellen abgeschnitten, und mit der Komposition sehr viel kleinerer, unaufwändigerer Werke änderte er seinen Stil: Es entsteht das, was bald Neoklassizismus genannt wurde: Eine Art Rückgriff auf den riesigen Fundus abendländischer Musikgeschichte, aus dem einzelne Erscheinungen ausgewählt und kaleidoskopartig zusammenmontiert sind. Erstes Werk dieser neuen Stilrichtung ist das Ballett Pulcinella, dessen Musik auf italienischen Vorlagen aus dem 18. Jahrhundert, vor allem von Giovanni Battista Pergolesi, basiert. Aus der 1919/20 geschriebenen vollständigen Partitur stellte Strawinskij 1922 eine Suite von elf Sätzen zusammen.
Nach der Rückkehr von seinem Aufenthalt in Paris, der ihn zweimal über Mannheim führte und so überaus fruchtbar für die Entwicklung des Komponisten wie des Menschen Mozart gewesen ist, schrieb der Komponist Anfang 1779 in Salzburg ein Konzert für zwei Klaviere und Orchester, bestimmt zum Vortrag durch ihn selbst und seine Schwester Nannerl - ein für beide Partner glänzendes Virtuosenstück, das einen tiefen Eindruck von den pianistischen Fähigkeiten der Maria Anna Mozart vermitteln kann. Kompositorisch gehört dieses Konzert bereits der Reifezeit Mozarts an, davon zeugen nicht allein der köstliche Humor und die Spielfreude, mit der sich beide Solisten hier die musikalischen Pointen zuwerfen; gerade die ernsten, dunklen Farben, insbesondere im Mittelteil des Schlussrondo, weisen bereits auf die Konzerte der Wiener Jahre. Unüberhörbar ist die Nähe zur Sinfonia concertante für Violine und Viola mit Orchester (Es-Dur, KV 364), dem reifsten konzertanten Werk, das Mozart für solistische Streichinstrumente geschaffen hat.
Die Musik zum Ballett Le sacre du printemps wird aus guten Gründen als erstes Werk der musikalischen Moderne angesehen. Der Skandal bei seiner Uraufführung im Juni 1913 indes hat lange den Blick für wesentliche Fakten seiner Gegebenheiten verstellt. Erstens entzündeten sich die Tumulte bei der Premiere weit eher an der ganz ungewohnten Choreographie als an Strawinskijs Musik; späteren Aufführungen, sowohl in Paris wie in London, und erst recht konzertanten Präsentationen hat das Publikum in der Regel begeistert applaudiert. Viele Einzelzüge der Klangbarbarei dieser genialen Partitur sind durchaus schon im Petruschka, ja sogar im Feuervogel des Komponisten nachweisbar (und nicht etwa bloß in analytischer Theorie!), auch entsprach die Tendenz zum wilden, schroffen Ausdruck der damals ganz neuen künstlerischen Bewegung des Futurismus. Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg wies der französische Komponist und Dirigent Pierre Boulez nach, dass dem Werk eine Zwölftonreihe zugrunde liegt. Diese Fakten freilich nehmen dem Werk bis heute nichts von der fulminanten Wirkung auch als reines Konzertstück.
Programm des 8. Akademiekonzerts 2009/2010
Franz Liszt, Eine Faust-Simphonie in drei Charakterbildern für Tenor, Männerchor und Orchester
Dirigent: Dan Ettinger
Solist: István Kovácsházi, TenorAls krönenden Abschluss der Konzertspielzeit 2009/10 präsentiert GMD Dan Ettinger dieses große Werk, das heute nur noch sehr selten in deutschen Konzertsälen erklingt. Eigentlich ist schon diese Tatsache verwunderlich, da es sich um eine schöpferische Auseinandersetzung mit dem Faust-Stoff Goethes handelt, also einer ganz gewiss urdeutschen Problematik.
Franz Liszt hatte sich nach dem freiwilligen Ende seiner Virtuosen-Laufbahn in Weimar niedergelassen, wo er seit 1848 als Hofkapellmeister wirkte und dort so aufsehenerregende Premieren herausbrachte wie diejenige von Richard Wagners Lohengrin. Als Komponist schuf er in den Weimarer Jahren (bis 1858) vor allem eine damals ganz neue Gattung von Orchestermusik: Die symphonische Dichtung. Rein kompositorisch war sie eine Übertragung des von Liszt bereits in seiner einsätzigen Klaviersonate h-Moll entwickelte Technik der Themen-Metamorphose, einer Art der Variationstechnik, auf die Gegebenheiten eines Orchesterwerkes. Die Einsätzigkeit der neuen symphonischen Gattung folgte nicht dem Prinzip der bereits existierenden Konzertouvertüren mit poetischem Hintergrund, wie sie Mendelssohn, Gade und Schumann kultiviert hatten; vielmehr kopierte Liszt traditionelle Viersätzigkeit der Symphonie und die Gliederung der Sonatenhauptsatzform übereinander. Sein Ziel war erklärter Maßen, der Musik jene Charakterisierungsfähigkeit zu eröffnen, welche für Literatur und Malerei längst selbstverständlich war; es nimmt nicht Wunder, dass die Musik von Hector Berlioz ihm darin Vorbild sein musste.
Während dieser Entwicklungsphase seines Schaffens schuf Liszt zwischen 1854 und 1856 auch seine beiden größten, bedeutendsten symphonischen Kompositionen, die auf Stoffen der Weltliteratur basieren: Die beiden Symphonien nach Goethes Faust und Dantes Divina Commedia. Abweichend von der Konzeption der symphonischen Dichtungen sind beide Werke dreisätzig, stellen sich aber bewusst nicht etwa in die Tradition der Klassik oder Beethovens. Die drei Sätze der zwischen August und Oktober 1854 geschriebene Faust-Symphonie zeichnen nicht etwa den Verlauf des Goethe’schen Dramas nach, wählen vielmehr dessen drei agierende Hauptfiguren Faust, Gretchen und Mephisto zu Gegenständen musikalischer Charakterisierung. Die Modernität Liszts wird hier gerade daran erfahrbar, dass er diese Kunst - wie Berlioz und die damals modernen französischen Literaten - auf die Sphäre des Bösen und Hässlichen ausdehnte.
Ursprünglich war dieses Werk reine Instrumentalmusik und wurde gerade in dieser Gestalt von Richard Wagner besonders bewundert; erst auf Betrieben seiner damaligen Lebensgefährtin, der Fürstin zu Sayn-Wittgenstein, fügte Liszt vor der Uraufführung am 5. September 1857 den vokalen Schluss an; er gemahnt an das vokale Finale von Berlioz’ Roméo et Julliette (für Bass-Solo, Chor und Orchester); bezieht sich diese Symphonie dramatique freilich sehr eng auf die Handlung des Shakespeare’schen Dramas, so wählte Liszt den Text des Chorus mysticus aus dem 2. Teil von Goethe’s Faust - sehr passend, denn auch dort existiert ja keinerlei dramatische Handlung mehr. Dieses rund 70 Minuten lange Werk erneut zu präsentieren dürfte für die meisten Musikliebhaber zu einer neuen, ausgesprochen interessanten Erfahrung werden.
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